Editorial

Von Detlev Quintern

Dieser Blog ist aus einer kooperativen Recherche und Arbeit von Studierenden in Folge eines Blockseminars an der Universität Bremen im Studiengang Kulturwissenschaften Anfang Februar 2020 hervorgegangen. 

Das Seminar wurde am Übersee Museum Bremen, das dankenswerter Weise Räumlichkeiten zur Verfügung stellte, durchgeführt. Das Bremer Museum mit seiner langen Geschichte und seinen umfangreichen wie auch interdisziplinären Sammlungen eignet sich besonders für forschendes Studieren. Nicht zuletzt die materiellen Objekte und Artefakte, darunter zahlreiche Kaffeedosen, die mitunter in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts datieren, laden zur Erforschung ein. Das gilt ebenso für die zahlreichen Spuren der langen Bremischen Kaffeegeschichte, die sich in stadthistorischer Architektur oder Bau Dekor erhalten haben. Sie bilden einen reichen Fundus eine (de-) koloniale Erinnerungskultur zu er- oder zu begründen.

Blick vom Vorplatz des Bremer Hauptbahnhofs auf den Eingang des Überseemuseums, Foto: Wikimedia Commons1https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bremen,_das_Übersee-Museum.JPG

Die oft stummen Zeugnisse, denken wir nur an die Glasfenster als Träger für Kaffee Hag Reklame in der berühmten Bremer Böttcherstrasse, den Schütting am Markplatz, wo sich eines, wenn nicht das erste Kaffeehaus im Deutsch sprachigen Raum fand oder die noch bestehenden Großröstereien und neu gegründeten Kleinröstereien, von letzteren es vor rund 100 Jahren in Bremen so viele gab. Geschichte, so auch die Kulturgeschichte der Kaffeestadt Bremen, kann nicht von seiner Gegenwart getrennt und muss in Perspektive auf seine Zukunft hin befragt werden. Dies wird deutlich, wenn z.B. eine Kulturgeschichte der Bewerbung von Kaffee, auf Kontinuität und Diskontinuität von Motiven verweist oder eine Archäologie der Kaffeehauskulturen rund um den Bremer Marktplatz betrieben wird.

Dekolonialisierung von Stadtgeschichte erfordert es zunächst den Blick über den Rand der Tasse Kaffee hinaus zu erweitern, auf die klimatisch-geographischen Besonderheiten des Kaffeegürtels, die Exportländer im Globalen Süden. Die Folgen des Klimawandels kündigen bereits dramatische Veränderungen an, welche nicht nur die ohnedies schwer in Mitleidenschaft gezogenen Ökologie und die globalen Handelsbedingungen (Terms of Trade, Preise etc.) zusätzlich erschweren werden. 

Nur selten ist beim Genuss einer Tasse Kaffee vor Augen, wieviel Arbeit auf den weltweiten Plantagen aufgebracht wird, um den Rohkaffee schließlich auf den langen Transportweg in die Röstereien, die sich meist im Globalen Norden befinden, zu bringen. Kaffee Röstung, Vermahlung, Verpackung, Marketing und Konsum im globalen Norden sind mit der langen Geschichte von auf Versklavung basierender Plantagenzwangswirtschaft aufs engste verwoben. In Brasilien, dem noch heute größten Produzenten von Rohkaffee und auf Kuba, heute eher Exporteur von Zucker, Rum und in Zeiten der Covid-19 Pandemie von Ärzteteams in alle Welt, dauerte die Versklavung von Afrikanerinnen und Afrikanern noch bis in den Ausgang der 1880er Jahre an. Es waren dort vor allem versklavte Afrikanerinnen, welche die Felder der großen Plantagen z.B. um Sao Paulo herum bestellten, schließlich den Kaffee ernteten, für den Transport fertig stellten etc. In höher gelegenen Anbauflächen Brasiliens bauten auch deutsche Siedler Kaffee auf kleineren Flächen an. 

Zu beiden Ländern hatten Bremische Übersee-Händler engste Beziehungen, nicht zuletzt seit dem Abschluss von Handelsverträgen mit Brasilien im Jahre 1827. In Havanna auf Kuba wurde in den 1840er Jahren auf der dortigen Börse Bremer Platt gesprochen. Davon weiß der junge Friedrich Engels zu berichten, der in diesen Jahren eine Lehre im Überseehandel in Bremen absolvierte. 

Bremens Aufstieg zur Handelsmetropole mit Stapelgütern (Baumwolle, Tabak, Kaffee, Reis), als solche diese um die Mitte des 19. Jahrhunderts an der Schlachte angelandet wurden, ist untrennbar mit der Versklavung auf den Plantagen auf der anderen Seite des Atlantiks verbunden. 

Spuren der kolonialistischen Eroberung der Amerikas und der Versklavung Afrikas finden sich in Dokumenten (Archiven), musealen Objekten (z.B. Kaffeedosen, Werbeschildern) oder dem Bau Dekor rund um die Bauwollbörse, dem Schütting und den Bremer Hafenanlagen. Vormals engste Beziehungen nach Havanna auf Kuba, leben aber auch in der Bremischen Havanna Lounge fort, wo eine Havanna Zigarre nach wie vor zum guten Ton gehört. 

Kaffee ist heute das wertmäßig bedeutendsten globalen Handelsgut nach Erdöl, gefolgt von Zucker und Kakao (lassen wir einmal Waffen und Drogen, beides nicht natürlichen Kreisläufen entnommene Güter, beiseite). Nach Wasser ist Kaffee weltweit meist getrunken. Dabei ist der Konsum von Kaffee nicht etwa in Brasilien, dem nach wie vor größtem Kaffee- und Zucker Produzenten der Welt, pro Kopf am höchsten, sondern in Ländern des Globalen Nordens, darunter in Finnland, den USA oder Deutschland. Die produzierenden Regionen der Welt tragen nicht nur die Lasten des Preisverfalls, der Bodenschädigungen auf den monokultivierten Flächen, sondern die seit dem Kolonialismus fortbestehenden Abhängigkeiten machen oft den Aufbau einer diversifizierten Landwirtschaft, die eine nachhaltige Versorgung der lokalen Bevölkerung gewährleistet, unmöglich bis schwer. 

Diese mit dem Kolonialismus aufgekommenen Widrigkeiten sind nur schwerlich auf dem Wege von Fair Trade zu überwinden, wenngleich gerechtere Preise und nachhaltiger/organischer Anbau Schritte auf dem Wege zu einer solidarischen Landwirtschaft sein können. Aber nicht nur Fragen von Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit aus einer Konsumentenperspektive dürfen in den Fokus rücken. Natur sollte grundsätzlich nicht als Genussmittel für unbegrenzten Verzehr verstanden sein. Kaffee Zeremonien in Äthiopien, Eritrea oder dem Sudan erinnern auch heute noch an eine spirituell-sinnliche Beziehung zum Kaffee. Nicht anders verhielt es sich mit dem Kakao in der Kultur der Maya und Azteken. Auch der Tabak war eine Heilpflanze. im globalen Norden sind Kaffee, Kakao (Schokolade), Zucker, Tabak und andere Heilpflanzen zu einer Massendroge geworden.

Zurück zum (organischen) Luxusgetränk für Wenige im Globalen Norden kann jedoch auch keine Lösung sein, da dann der globale Kaffee Anbaugürtel keine hinreichenden Abnehmer mehr finden würde. Die Folge, zumal wenn keine Alternativen in einer diversifizierten Wirtschaft auf regionaler Ebene bestehen, welche ein Überleben ermöglichten, wäre, dass Wander-, Landarbeiterinnen und kleinbäuerlichen Familien die Lebensgrundlage entzogen wäre. Zuweilen gelingt es, Ansätze von solidarischem und kooperativem Süd-Nord Kaffeehandel zu realisieren, wenngleich globale Abhängigkeiten fortbestehen. Auch davon berichten die studentischen Beiträge, die einladen sich für den Blog Zeit zu nehmen.


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