Das Haus Atlantis – Rassistische Ideologie manifestiert in Bauform

Von Gönna Jensen

Wie in den weiteren Blogbeiträgen deutlich wurde, hat Bremen eine lange und ambivalente Geschichte mit dem Kaffeehandel.

In diesem Beitrag soll auf den unreflektierte Umgang mit dem Haus Atlantis hingewiesen werden und wie dieses sogar vom Hotel Radisson Blu als besondere Location beworben wird. Dies gestaltet sich problematisch, da die Symbolik ähnlich rassistisch aufgeladen ist, wie die Symbole der Nationalsozialisten aus dem zweiten Weltkrieg. Da die Symbolik des Haus Atlantis kaum in der Öffentlichkeit bekannt ist, wird dieser Abschnitt der Böttcherstraße kommerziell genutzt.

Da der Kolonialismus für viele Kaufleute von wirtschaftlichem und imperialem Interesse war, entstand der Kolonialrevisionismus. Der Begriff beschreibt die Forderungen nach dem Erhalt der ehemaligen Kolonien Deutschlands, welche ihnen durch den Versailler Vertrag entzogen wurden1Vgl. Lewerenz, Susann (2006): Die Deutsche Afrika-Schau (1935 – 1940) ; Rassismus, Kolonialrevisionismus und postkoloniale Auseinandersetzungen im nationalsozialistischen Deutschland. S.39.. Aus diesem Zeitgeist entstand auch im Jahr 1932 in Bremen das Reichskolonialehrenmal2Vgl. Dahlberg, Kerstin (1992): Vom Kolonial-Ehrenmal zum Anti-Kolonial-Denkmal. Bremen:
Landesamt für Entwicklungszusammenarbeit S.11.
, welches im Jahr 1990 zum Anti-Kolonial-Denkmal umbenannt wurde3Vgl. Dahlberg, Kerstin (1992): S.18.. Der Bremer Kaufmann Ludwig Roselius errichtete im Jahr 1944 ein Museum in Bremen mit dem Zweck, für die Rückforderung der Kolonien zu werben. Das Museum war benannt nach Adolf Lüderitz, welcher Namibia kolonialisierte4Vgl. Schweckendiek, Lea (15.01.2019): Provenienzforscherin über das Lüderitz-Museum „Beziehung zu Nazis ambivalent“ Bettina von Briskorn sucht im Bremer Überseemuseum nach der Herkunft von Exponaten, die früher einem nationalsozialistischen Museum gehörten. URL: https://taz.de/Provenienzforscherin-ueber-das- Luederitz-Museum/!5559633 (letzter Zugriff 06.03.2020).. Ludwig Roselius profitierte durch den Kolonialismus, da er ein Kolonialgut handelte, wie schonsein Vater vor ihm. Als dieser dann 1902 an einer angeblichen Koffeinvergiftung starb, gründete Roselius im Jahr 1906 nach einiger Forschung Kaffee HAG5Vgl. Hundt, Sönke (2002): Kaffee HAG oder woher das Geld kam. S.224.. Er erbaute sich durch starkes Marketing und durch den schmackhaften koffeinfreien Kaffee eine Monopolstellung auf dem Kaffeemarkt6Vgl. Hundt, Sönke (2002): S.223f..

Eduard Scotland und Alfred Runge, Buntglasfenster am Haus St. Petrus (Bremen), zwischen 1923 und 1927
Bild: Iris Hammelman7https://pixabay.com/de/photos/bremen-innenstadt-b%C3%B6ttcherstrasse-2875916/.

Doch Roselius war ebenfalls stark in der Politik tätig. Schon zu Zeiten des Kaiserreichs genoss er ein hohes Ansehen. Im Namen von Kaiser Wilhelm wurde er beauftragt Bulgarien zu überzeugen, im ersten Weltkrieg an Deutschlands Seite zu kämpfen8Vgl. Strohmeyer, Arn (2002): Parsifal in Bremen: Richard Wagner, Ludwig Roselius und die Böttcherstraße. Weimar: VDG. S.21.. Die imperialistischen Ziele unterstützte er auch nach dem 1. Weltkrieg und Deutschlands Niederlage vehement. So gründete er 1917 die Vaterlandspartei, welche von Arn Strohmeyer als Vorreiter der NSDAP bezeichnet wurde9Vgl. Strohmeyer, Arn (2002): S.22.. Die Parteien überschnitten sich in einigen Parteipunkten, wie die Hetze gegen die jüdische Bevölkerung10ebenda.

Das Verlangen nach einer deutschen Identifizierung setzte er in der Böttcherstraße in den Jahren 1923 – 1931 um. Zu einem durch die historisierende norddeutsche Architektur von Alfred Runge und Eduard Scotland11Vgl. Strohmeyer, Arn (2002): S.28ff.. Zum anderen durch den expressiven Architekten und Bildhauer Bernhard Hoetger12Vgl. Strohmeyer, Arn  (1993): Der gebaute Mythos. Das Haus Atlantis in der Böttcherstraße – ein deutsches Missverständnis. S.39.. Vor allem durch Hoetger versuchte Roselius eine neue Richtung für die deutsche Kunst vorzugeben13Vgl. Strohmeyer, Arn (2002): S.30.. Hoetger gestaltete das Paula-Modersohn-Becker Museum und das Haus Atlantis. Das Haus Atlantis gestaltet sich aus heutiger Sicht insofern problematisch, das es durch die Architektur die rassistische Atlantis Ideologie des Pseudowissenschaftlers Herman Wirth darstellen sollte14Vgl. Strohmeyer, Arn  (1993): S.48.. Das ist heute noch von Relevanz, da auf diese Problematik nicht hinreichend hingewiesen wird. Die Nationalsozialistische Symbolik wie das Hakenkreuz oder das Symbol der Schutzstaffel wären heute in kommerziell genutzten Räumen undenkbar. Die Architektur des noch erhaltenen Himmelssaals und Wendeltreppe des Haus Atlantis enthalten jedoch einen ähnlichen Hintergrund und werden unbedenklich von der Hotelkette genutzt.

Bernhard Hoetger, Himmelssaal Haus Atlantis (Bremen), 1931
Bild: Gönna Jensen
Bernhard Hoetger, Himmelssaal Haus Atlantis (Bremen), 1931
Bild: Gönna Jensen

Roselius selbst sagte bei der Eröffnung des Haus Atlantis im Jahr 1931, dass dieses Haus drei Paten hätte ihn als Mäzen, Hoetger als Architekten und Herman Wirth als Ideengeber15Vgl. Schmidle, Elisabeth (2006): Schandmal oder Mahnmal? Vom Umgang mit dem architektonischen Erbe der NS-Diktatur. In: Bürger im Staat S.187.. Wirth vertrat die Meinung, das Atlantis existierte, dass die sogenannte germanische Rasse direkt von ihnen abstammte und dass die Bewohner von Atlantis laut  seiner Forschung der Ursprung aller Hochkulturen, wie Ägypten und Griechenland wären16Vgl. Strohmeyer, Arn (1993): S.33.. Diese Theorie sollte die Überlegenheit der sogenannten Arischen Rasse auf historischer Ebene beweisen. Auch wenn sein wissenschaftlicher Ruf selbst zu Lebzeiten aufgrund dieser abstrusen Theorie ruiniert war, war Roselius so fest von dieser Idee überzeugt17Vgl. Strohmeyer, Arn (1993): S.50., dass er sein Buch mit der entsprechenden Ideologie „Aufstieg der Menschheit“ mitfinanzierte18Vgl. Strohmeyer, Arn (1993): S.37. und diese Ideologie in der Böttcherstraße architektonisch umsetzen ließ. So ist der Treppenaufgang der buchstäbliche Aufgang der Menschen aus dem untergegangen Atlantis hinauf in dem Himmelssaal19Vgl. Schreiber, Daniel (2005): Ewald Mataré und das Haus Atlantis. Eine Kunstgeschichte zwischen Hoetger Beuys. Bremen: Kunstsammlungen Böttcherstraße. S.24..

Bernhard Hoetger, Decke, Abstellraum Haus Atlantis (Bremen) 1931
Bild: Gönna Jensen
Bernhard Hoetger, Treppenaufgang Haus Atlantis (Bremen), 1931
Bild: Gönna Jensen

Die blauen und weißen Glasbausteine sollten hierbei die Unterwasseratmosphäre herstellen. Die originale Fassade war noch viel stärker mit der atlantis ideologischen Symbolik überzogen. Die gestaltete sich aus einem Lebensbaum, wie er in der nordischen Mythologie zu finden ist und den einigen christlichen Symbolen, wie dem lateinischen Kreuz20Vgl. Strohmeyer, Arn (1993): S.50f.. Im zweiten Weltkrieg wurde die Fassade, welche aus Holz bestand, zerstört und nicht wieder errichtet. Daniel Schreiber beschreibt diesen gezielten Nichtaufbau der Fassade als Vertuschung der Ideologie und der problematischen Geschichte21Vgl. Schreiber, Daniel (2005):S.10..

Ewald Mataré Fassade Haus Atlantis (Bremen), 1966
Bild: Gönna Jensen

Als die Erben von Roselius die Böttcherstraße im Jahr 1988 zum Verkauf  anboten, schlug die Hotelkette Radisson Hotel Group zu22Vgl. Gerlach, Susanne/ Siemer, Björn (2020): Böttcherstraße. Haus Atlantis. URL: http://www.boettcherstrasse.de/haus-atlantis/ . (letzter Zugriff 02.03.2020). und errichtete ein Hotel gleich neben dem Haus Atlantis und gliederte dies durch einen Durchbruch am Hotel an. Jetzt kann der Himmelssaal für Hochzeiten, Meetings und anderweitige Veranstaltungen vom Hotel Radisson Blu gemietet werden. Der Saal wird sogar als ein besonderes Highlight hervorgehoben und beworben23Vgl. o.V. (2020): Radisson Blu Bremen. Tagungen- Veranstaltungen..URL: https://www.radissonhotels.com/de-de/hotels/radisson-blu-bremen/tagungen-veranstaltungen. (letzter Zugriff 08.03.2020)..

In diesem Saal wurden zwischen den Weltkriegen Ausstellungen gezeigt wie die Väterkunde Ausstellung24Vgl. Schreiber, Daniel (2005): S.23.. Diese sollte auf die sogenannte trächtige germanische Geschichte hinweisen, sowie zwei Veranstaltungen namens nordisches Ting. Dazu wurden von Roselius sogenannte Nordforscher geladen, um den Ursprung der Germanen zu heroisieren. Zur zweiten Veranstaltung wurden sogar sogenannte deutschen Helden geehrt, indem ihre Namen an den Wänden des Himmelssaals angebracht wurden. Unter Ihnen auch der Name von Adolf Hitler25Vgl Strohmeyer, Arn (1993) S.62ff.. Auch wenn Hitler die Kunstform des Expressionismus und die Atlantis Ideologie öffentlich angriff26Vgl. Schreiber, Schreiber (2005): S.29., ist deutlich geworden, wie stark die Symbolik des Haus Atlantis rassistisch aufgeladen ist. Der rassistische Hintergrund des Hauses ist leider weniger bekannt und durch die kommerzielle Nutzung des Hotels wird eine Aufklärung sogar verhindert.

Der Rest der Böttcherstraße wurde von der Sparkasse Bremen erworben, daher konnte die restliche Straße originalgetreu restauriert werden27Vgl. Gerlach, Susanne/ Siemer, Björn (2020).. Mit der Ausnahme vom Haus Atlantis, dabei wäre es gerade hier wichtig gewesen es Original zu erhalten, um die Ideologie als rassistisch aufzudecken28Vgl. Schmidle, Elisabeth (2006): S.190. und die zugegebener Maßen beeindruckende Architektur somit zu entzaubern.Durch diverse Ausstellungen der Böttcherstraße wie die letzte vom 20.11.2005 – 19.02.2006, Ewald Mataré und das Haus Atlantis. Eine Kunstgeschichte zwischen Hoetger und Beuys29Vgl. Schreiber, Daniel (2005)., wurde die Problematik zwar aufgegriffen, dies ist jedoch einige Jahre her. Das Thema ist sehr wichtig, weshalb solche Ausstellungen vielleicht regelmäßiger kuratiert werden sollten. Die ebenfalls problematische Geschichte des Lichtbringers und der Zusammenhang zwischen Roselius und Wirth ist zumindest durch einen Flyer am Paula-Modersohn-Becker-Museum erhältlich30Vgl. Bölts, Uwe (2019): Paula- Becker- Modersohn- Haus. Der Lichtbringer. Ein Blickfang mit Geschichte.URL: http://www.boettcherstrasse.de/#paula-becker-modersohn-haus. (letzter Zugriff 02.03.2020).. Jedoch wird nicht explizit auf die Ideologie Atlantis eingegangen und in einer Führung durch die Böttcherstraße durchgeführt von der Touristik-Zentrale vom 01.03.2020, wurde dies ebenfalls nicht hinreichend erläutert. Es lässt sich schlussfolgern, dass in der richten Aufarbeitung einige Chancen liegen, sodass zumindest die Führungen der Touristik-Zentrale auf die Hintergründe des Hauses Atlantis verweisen sollte.


Quellen

Bölts, Uwe (2019): Paula- Becker- Modersohn- Haus. Der Lichtbringer. Ein Blickfang mit Geschichte. URL: http://www.boettcherstrasse.de/#paula-becker-modersohn-haus. (letzter Zugriff 02.03.2020).

Dahlberg, Kerstin (1992): Vom Kolonial-Ehrenmal zum Anti-Kolonial-Denkmal. Bremen: Landesamt für Entwicklungszusammenarbeit. (2. Auflage).

Gerlach, Susanne/ Siemer, Björn (2020): Böttcherstraße. Haus Atlantis. URL: http://www.boettcherstrasse.de/haus-atlantis/ . (letzter Zugriff 02.03.2020).

Hundt, Sönke (2002): Kaffee HAG oder woher das Geld kam. In: Tallasch, Hans (Hrsg.): Projekt Böttcherstraße. Delmenhorst: Aschenbeck & Holstein, S.220-235.

Lewerenz, Susann (2006): Die Deutsche Afrika-Schau (1935 – 1940); Rassismus, Kolonialrevisionismus und postkoloniale Auseinandersetzungen im nationalsozialistischen Deutschland.Frankfurt am Main: Lang.

o.V. (2020): Radisson Blu Bremen. Tagungen- Veranstaltungen..URL: https://www.radissonhotels.com/de-de/hotels/radisson-blu-bremen/tagungen-veranstaltungen.

Schmidle, Elisabeth (2006): Schandmal oder Mahnmal? Vom Umgang mit dem architektonischen Erbe der NS-Diktatur. In: Bürger im Staat 56. Jahrgang, H.3, S 184-190.

Schreiber, Daniel (2005): Ewald Mataré und das Haus Atlantis. Eine Kunstgeschichte zwischen Hoetger Beuys. Bremen: Kunstsammlungen Böttcherstraße.

Schweckendiek, Lea (15.01.2019): Provenienzforscherin über das Lüderitz-Museum „Beziehung zu Nazis ambivalent“ Bettina von Briskorn sucht im Bremer Überseemuseum nach der Herkunft von Exponaten, die früher einem nationalsozialistischen Museum gehörten. URL: https://taz.de/Provenienzforscherin-ueber-das-Luederitz-Museum/!5559633 (letzter Zugriff 06.03.2020).

Strohmeyer, Arn (1993): Der gebaute Mythos. Das Haus Atlantis in der Böttcherstraße – ein deutsches Missverständnis. Bremen: Donat.

Strohmeyer, Arn (2002): Parsifal in Bremen: Richard Wagner, Ludwig Roselius und die Böttcherstraße. Weimar: VDG.


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